Das Projekt NINETTE

Ein Studienprojekt des Lehrstuhls für Geschichte und Ästhetik der Medien der Friedrich Schiller-Universität Jena in Zusammenarbeit mit dem BBI. Gefördert vom Thüringer Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst.

Die CD-Rom "Ninette" greift bewegte Bilder vom Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts auf und bearbeitet sie mit diskursiven Techniken aus dem Ende dieser Epoche. Ausgehend von einem Film aus dem Jahr 1913 - also zu Beginn der narrativen Linearisierung des Kinos - soll eine Brücke über 100 Jahre Laufbild zu nonlinearen Präsentationsweisen gebaut werden.

1913 - Ein in der Geschichte des frühen Kinos nicht uninteressantes Jahr: Kurt Pinthus veröffentlichte sein "Kinobuch", Georg Lukács schrieb seine "Eloge an die neue Kunst", Emilie Altenloh legte gerade ihre Dissertation "Zur Soziologie des Kino" (erschienen in Jena 1914) vor, und die ersten repräsentativen "Lichtspiel-Paläste", die das Kino aus seinem Schattendasein führten, entstanden.

Strategien der epistemologischen und visuellen Wissensvermittlung werden erprobt, die in nichthierarchischen Diskursformen begründet sind. Der Film WIE NINETTE ZU IHREM AUSGANG KAM ist damit zugleich Gegenstand und Werkzeug der Untersuchung. Einerseits werden vielfältige Materialien aus Bild, Ton und Schrift bereitgestellt, um die historischen Herstellungszusammenhänge und systematischen Lektürebeziehungen zu erhellen, andererseits wird der Film selbst zur Navigationsleiste im nonlinearen Diskurs einer CD-ROM.

Vom mikroskopisch kleinen Detail zu größeren Fragen und Bildkomplexen: An der Wäsche, die von Ninette und ihrem Liebhaber aufgehängt wird, die Raumfrage diskutieren: an einer winzigen Geste des Soldaten die Frage der Geschlechterdifferenz. Vom linearen, auf die Guckkastenperspektive beschränkten Film WIE NINETTE ZU IHREM AUSGANG KAM, im Jahr 1913 als Werbefilm für das Waschmittel "Neubozon" hergestellt, zum Modell eines nonlinearen, hypertextuellen Werks auf CD-ROM.

In einem Lehrveranstaltungsverbund von fünf Vorlesungen, Seminaren, Workshops, einer Exkursion zum Filmfestival Il Cinema Ritrovato in Bologna und einer Filmreihe des Lehrstuhls für Geschichte und Ästhetik der Medien (Leitung: Univ.-Prof. Dr. Karl Sierek) der Friedrich-Schiller-Universität Jena wurden Konzepte, Wissen und Bilder zur Gestaltung einer CD-ROM erstellt. Dieses Studienprojekt von MitarbeiterInnen und Studierenden des Lehrstuhls wurde gemeinsam mit Praktikern und Theoretikern aus der Multimedia-Branche realisiert: Web-DesignerInnen, CD-ROM-ProgrammiererInnen, Film- und KunsthistorikerInnen der Medien-Kooperative "vonautomatisch" erarbeiteten - zunächst mit dem Ziel des Erstellens von Konzepten - einen multimedialen Gegenstand. Das Béla Balázs Institut für Laufbildforschung BBI konnte dabei logistische Unterstützung leisten und infrastrukturelle Hilfestellungen bieten.

Mit Ninette ist das kulturwissenschaftliche Arbeitsfeld von MedienwissenschaftJena in eine neue Phase seiner Lehrveranstaltungsprojekte eingetreten. Im Rahmen einer genau strukturierten Vorbereitung zur Produktion eines Multimedia-Produkts wurden Lehrinhalte nicht abstrakt und vom Katheder herunter doziert, sondern in einen Produktionszusammenhang gestellt und in Lehrveranstaltungen erprobt und verfeinert.

Bei der Verarbeitung von Bild- und Schriftdokumenten aus der Geschichte des Kinos wurde darauf Bedacht genommen, so weit als möglich mit der Produktion zeitgleich erstelltes Material einzuweben. Dies ermöglicht den UserInnen die Einstimmung in Diskurse während der Herstellungszeit des Film - ob solche, die tatsächlich stattgefunden haben, ob solche, die potenziell stattfinden hätten können: Die Erstausgabe der Übersetzung von Henri Bergsons "Das Lachen", erschien ein Jahr nach Fertigstellung der Ninette, Georg Lukács' "Gedanken zu einer Ästhetik des Kinos" praktisch zur selben Zeit ...

Um das textuelle Geflecht historisch entsprechend zu situieren, konnte eine im Jahr 1914, also ein Jahr nach der Fertigstellung von Ninette, entstandene Dokumentation über die Filmherstellung ausgewertet und in einzelnen Ausschnitten den relevanten Passagen von Ninette zugeordnet werden. Die ideale Filmerzeugung, eine filmhistorische Rarität, erlaubt die Eröffnung eines zur Geschichte des Wäschermädels parallelen Universums der medienhistorischen Dimensionen der Laufbildproduktion vor dem ersten Weltkrieg.

Dieses Paralleluniversum begleitet im Grunde jegliche Filmvorführung. Sie bildet, um den Titel dieser Perle der filmhistoriografischen Forschung zu verwenden, auf "ideale" Weise die materielle und dispositive Dimension des Kinos, die Thierry Kuntzel in Anlehnung an Freuds "Wunderblock" als "den anderen Film" beschrieben hat:

"Das Modell des Blocks erlaubt also eine letzte Zuspitzung: Der Film-Streifen - vorläufig so genannt um ihn mit dem, was man allgemein Film nennt, zu vergleichen und auch von ihm zu unterscheiden - darf nicht allein in seiner Materialität als Zelluloidband, in der Aufeinanderfolge an einer Achse angeordneter visueller und akustischer Zeichen begriffen werden. Um ein Bild zu verwenden: das ausgebreitete, entrollte Band muss eher als virtueller Film, als Film-unter-dem-Film, als anderer Film verstanden werden. Dieser andere Film, um noch ein Bild zu gebrauchen: das aufgerollte Band auf der Spule, als Volumen; ein Film, der aller zeitlichen Zwänge enthoben ist, bei dem alle Elemente ohne Anwesenheitseffekt-Leinwandeffekt gleichzeitig anwesend wären, sich aber unablässig aufeinander beziehen, sich wieder überschneiden, sich verdecken, sich zu in der Ordnung des Ablaufs noch "nie" gesehener oder gehörter Konfigurationen umgruppieren." (Thierry Kuntzel: Notizen über den filmischen Apparat. In: Karl Sierek und Barbara Eppensteiner (Hrsg.): Der Analytiker im Kino. Siegfried Bernfeld Psychoanalyse Kino. Frankfurt/M. 2000, S. 198-204.)

Idee, Projektleitung: Karl Sierek

Konzept: Karl Sierek, vonautomatisch

Design: Axel Swoboda

Programmierung: Patrick Kranzlmüller

Redaktion, Recherche: Laura Bezzera, Michael Loebenstein, Claudia Slanar, Claudia Ziegenbein

Texte: Frank Grobe [fg], Holger Gundermann [hg], Nicole Haußecker [nh], Donata Koch-Haag [dk], Ronald König [rk], Silke Müller [sm], Olaf Nenninger [on], Sabine Wilhelm [sw]

Mitarbeit: Michael Barchet, Katrin Hausschild, Markus Kammerer, Katja Nicolai, Claudia Preschl, Anne Reimann, Falk Schallenberg, Anna Steininger

Bildbearbeitung: Michael Loebenstein, Axel Swoboda

Setskizzen: Ronald König

Videosequenzen: Michael Loebenstein, Claudia Slanar, Gerald Igor Hauz

Produktion: Lehrstuhl für Geschichte und Ästhetik der Medien am Bereich Medienwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena

vonautomatisch: Patrick Kranzlmüller, Michael Loebenstein, Claudia Slanar, Axel Swoboda

Medieninhaber: Friedrich-Schiller-Universität Jena

Förderung: Thüringer Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst

Rechte: Filmrechte, Archivmaterialien, Bildrechte: Filmarchiv Austria, Fa. Wilhem Neuber's Enkel

 

Wir danken für Mitarbeit und Unterstützung:

Filmarchiv Austria: Ernst Kieninger, Armin Loacker, Paolo Caneppele, Günter Krenn, Elisabeth Streit, Nikolaus Wostry

Fa. Wilhelm Neuber's Enkel, Wien: Gerhard Fischler, Johanna Kristen

Béla Balázs Institut für Laufbildforschung, Wien

Gernot Heiß, Universität Wien