Christa Blümlinger, Karl Sierek (Hg.)

Das Gesicht im Zeitalter des bewegten Bildes

Wien, 2002

Die bildliche Darstellung des menschlichen Gesichts hat im Laufe des vergangenen Jahrhunderts eine merkwürdige Entwicklung durchlaufen. Das traditionelle Porträt wich dem image, face und interface : das Erscheinen des Gesichts wurde inflationär reproduziert und medial besetzt. Das Kino hat dazu entscheidend beigetragen, denn es ist jener Ort, von dem dieser Wandel ausging und an dem er sich maßgeblich vollzogen hat.

Von dieser Erkenntnis ausgehend werden im vorliegenden Band folgende Fragen gestellt: Gibt es eine kulturell und sozial vermittelte Darstellung des Gesichts auf der Leinwand? Wäre eine Kulturgeschichte der Großaufnahme denkbar, welche auch die Verbindung zu anderen Künsten, etwa Photographie, Malerei, Bildhauerei, berücksichtigt und Nahverhältnisse zu anderen Medien herstellt? Ist das Gesicht "lesbar"?

Die in dem Buch versammelten Aufsätze international renommierter Autorinnen und Autoren diskutieren in Originalbeiträgen oder deutschen Erstübersetzungen epistemologische Probleme der Phänomenologie ebenso wie die äußerst problematische Ideengeschichte der Physiognomik. In konkreten Analysen zeigen sie, wie die Nahsicht auf das Gesicht sich zum (imaginären) Gesamtbild des Körpers verhält, ob das Gesicht im Film der Ort des Denkens, ob es Ausdruck oder bloße Oberfläche ist, wie sein Verhältnis von Innen und Außen, von Sichtbarem und Unsichtbarem sich beschreiben läßt.

Das Buch trägt Befunde aus unterschiedlichsten Perspektiven zusammen: ikonographische Analysen der Vor- und Frühgeschichte des Kinos, einen historisch-kritischen Überblick auf den Einsatz des menschlichen Gesichtsbildes im Kino mit Ausblick auf die neuen Medien, philosophische, kultur-, und filmtheoretische Essays aus verschiedenen Epochen des 20. Jahrhunderts. Aus kulturgeschichtlicher und theoretischer Perspektive wird das Gesicht innerhalb eines Rahmens abgetastet, der den Film als das zentrale Medium des 20. Jahrhunderts situiert.

Mit Beiträgen aus Geschichte und Gegenwart von Giorgio Agamben, Jacques Aumont, Christine Buci-Glucksmann, Raymond Bellour, Christa Blümlinger, Nicole Brenez, Serge Daney, Jean Epstein, Tom Gunning, Frank Kessler, Gertrud Koch, Jean-Paul Sartre, Karl Sierek, Jean Louis Schefer, Jean-Marie Samocki, Georg Simmel und Hanns Zischler.